Mittwoch, 25. April 2012

Mountainbiken in der Umgebung von Bozen

Es soll Mountainbiker geben, die nicht gerne endlos Bergauf treten. Falls auch sie zu dieser Spezies gehören, sind sie in Bozen & Umgebung genau richtig. Denn auf alle drei Hausberge führt eine Seilbahn. Und ganz in der nähe lockt auch noch der Mendelkamm.

Es muss nicht immer schweißtreibend zugehen! Das dachte sich wohl auch Josef Stafler. Der Bozner Gastwirt erfand 1908 die erste Bergschwebebahn der Welt für den Personentransport – weil ihm die Behörden den Bau einer Standseilbahn verwehrt hatten. Ziel seiner Erindung war es, den Sommerfrischlern die Anreise hinauf nach Kohlern zu erleichtern. Denn dort, hoch über Bozen, verbrachten Leute, die es sich leisten konnten, die Monate, in denen es unten im Tal unerträglich heiß wurde. Auch heute noch dient die Kohlerer Seilbahn bequemen Menschen als Unterstützung beim Müßiggang. Auch Menschen mit Fahrrädern. Für den Lift-Bediensteten sind sie kein seltener Anblick. So schaut er nicht einmal auf, als zwei Mountainbiker an der Talstation vorfahren, sondern kehrt mit gleichmäßigen Besenstrichen weiter den Platz vor dem Gebäude.

ABGEFAHREN: KOHLERN – BOZEN
Sergio und Giorgio kennen sich aus. Sie rollen zum Hintereingang der Bahn, ziehen den Helm
vom Kopf und strubbeln sich mit der Hand durch die verschwitzten Haare. Das war bereits die zweite Abfahrt in Folge. Eine dritte geht sich vor dem nachmittäglichen „Macchiato“ noch aus. Besonders unter Freeridern gilt die Abfahrt von Kohlern hinunter nach Bozen als Schmankerl: Die Aufahrt mit der Bahn ist günstig, auf der Strecke sind kaum Wanderer unterwegs und bei den Singletrails durch den Wald kann zu denen in Kanada nicht viel fehlen. Die zwei Biker kommen jedenfalls wegen der Abfahrt. Andere Menschen wegen der Gegend.
Denn die Strecke kann man so oder so sehen – sportlich oder landschaftlich. Wer auf letztere Variante steht, ignoriert einfach die technischen Schwierigkeiten. Und konzentriert sich stattdessen auf die landschaftlichen Details: bunte Blumenwiesen, blühende Holunderstauden, Grillenzirpen, den Duft der Lindenblüten. Sergio und Giorgio haben dafür nicht viel übrig.
Sie sehen zwar, dass die Kirschen am Ortseingang von Herrenkohlern noch nicht ganz reif sind. Aber selbst wenn sie es wären, würde das die beiden Mountainbiker sicher nicht zum Anhalten bewegen. Vorbei an Bauerngärten, dem Kirchlein Maria Himmelfahrt und einer alten Linde treten sie weiter Richtung Wolftal. Dort, an der Alm, biegen sie scharf links ab, in den Wald hinein. Hier beginnt ihr Gelände. Das ist ihr Revier. Dieser Weg will den Fahrer ganz klar abwerfen. Doch Sergio und Giorgio vertrauen auf den Federweg der Bikes und
ihre körperliche Geschmeidigkeit. Eine Wurzel, ein paar Blöcke, ein Sprung, nur nicht zu stark bremsen. Wo Gelegenheitsradler längst schieben, machen Sergio und Giorgio Meter. Und sind in
kürzester Zeit wieder an der Talstation angelangt. Die ist eine von dreien im Stadtgebiet von Bozen. Denn die klassischen Naherholungsziele der Städter – Ritten, Kohlern und Jenesien – sind allesamt mit einer Seilbahn erschlossen. Ein perfektes Revier für Sergio und Giorgio. Die sind nämlich keine
Freunde des stundenlangen Bergaufkurbelns. Stattdessen genießen sie es, auf der Fahrt durchs Zentrum einen kurzen Stopp in der Bar einzulegen. Und anschließend die nächste Aufstiegshilfe anzusteuern.

JENESIEN
Der alte Ort liegt ebenso wie Kohlern auf über 1000 Metern Höhe und bietet herrliche Blicke auf die Dolomiten-Massive Latemar, Rosengarten, Plattkofel, Langkofel und Sella. In Jenesien eröfnet sich aber nicht nur beim Panorama die große Vielfalt. Auch Giorgio und Sergio müssen sich entscheiden. Sollten sie vielleicht doch ein bisschen bergauf fahren und das Hochplateau des Salten erkunden? Oder noch eine richtige Nachmittagstour durch die Schlucht ins Sarntal in Angriff nehmen?
Ein Blick zum Himmel hilft ihnen bei der Entscheidungsfindung:
Graue Wolken schieben sich zu Türmen auf. In der Ferne hängen Regenschleier bis zum Boden. Die schwüle Hitze des Tages hatte Gewitter erahnen lassen. Jetzt sind sie da. Sergio und Giorgio entscheiden sich für die kürzeste Variante – die direkte Abfahrt hinunter nach Bozen. Die ist zwar laut Beschreibung ziemlich steil. Aber das Donnergrollen kommt immer näher und die ersten Regentropfen platschen wie kleine Wasserbomben auf den Asphalt. Was soll’s – nass werden sie sowieso. Also nichts wie los. Die zwei Kilometer auf der Hauptstraße liegen schnell hinter ihnen und als sie kurz darauf den höchsten Punkt der Tour erreicht haben, dürfen sie sich auf ein Abfahrtsvergnügen der besonderen Art freuen. Zuerst kommt ein Waldweg, dann ein Forststräßchen, dann ein Singletrail. Der lässt das Herz der beiden höher schlagen. Das Stück ist steil, aber durchwegs fahrbar und als sie den Aussichtspunkt oberhalb von Glaning erreichen, legt Sergio eine Vollbremsung hin. Mit so einem Ausblick hatte er nicht gerechnet. Und schon gar nicht mit so einer Stimmung.
Unter ihnen liegt Bozen, der Himmel hängt voller grauer Wolken und die Sonne steht schon so tief, dass sie die Welt in ein Licht taucht, bei dem man die Zeit anhalten möchte. In der Ferne blitzt es, doch Sergio und Giorgio stehen wie angewurzelt in der Ruhe vor dem Sturm. Plötzlich fangen die Blätter an zu rauschen, Wind kommt auf. Das ist das Zeichen zum Weiterfahren. Denn die Strecke ins Tal verläuft auf einem alten, teilweise sehr steilen Karrenweg – und der ist bei Nässe sicher kein spaßiges Gelände.
Kurz bevor die beiden die Stadtgrenze erreicht haben, bricht das Gewitter los. Es blitzt und donnert, schüttet aus Kübeln. Sergio und Giorgio stellen sich unter und freuen sich. Denn die Touren, bei denen man wettertechnisch Risiken eingeht, sind oftmals die schönsten. Vor allem dann, wenn man nicht wirklich nass wird. Eine halbe Stunde später ist alles vorbei. Und beim Abendessen kündigt der Wirt stabiles Wetter für den nächsten Tag an. Damit steht einem Auslug zum Monte Roen auf der
Mendel, dem Grenzkamm zwischen Südtirol und dem Trentino, nichts mehr im Wege. Eine Tour mit Gipfel müssen Sergio und Giorgio schließlich noch fahren! Und wenn’s mit Unterstützung
der Standseilbahn ist...